Herausforderung bei der Stromerzeugung – Energiewende

Grüner Strom für die E-Mobilität – schaffen wir neben dem Atomausstieg gleichzeitig einen bezahlbaren Ausstieg aus der Kohle?

Herr Diess, Vorstand von Volkswagen, wies in einem  Handelsblatt-Interview auf folgenden kritischen Punkt der Elektromobilität hin: „Unter Umweltgesichtspunkten ist der E-Antrieb nur dann sinnvoll, wenn die Primärenergie, also der Strom, zum Betrieb und auch zur Herstellung der Batterie möglichst kohlendioxidfrei produziert wird. Wir kommen in Deutschland immer noch auf 600 Gramm Kohlendioxid pro Kilowattstunde Strom – das liegt am hohen Kohleanteil in der Stromerzeugung. Das ist viel im internationalen Vergleich. Die Einführung von Elektrofahrzeugen allein hilft beim Thema Klimawandel also nicht unbedingt. Wir werden den Diesel auch deshalb weiter brauchen“. Herr Diess, Vorstand von Volkswagen, wies in einem  Handelsblatt-Interview auf folgenden kritischen Punkt der Elektromobilität hin: „Unter Umweltgesichtspunkten ist der E-Antrieb nur dann sinnvoll, wenn die Primärenergie, also der Strom, zum Betrieb und auch zur Herstellung der Batterie möglichst kohlendioxidfrei produziert wird. Wir kommen in Deutschland immer noch auf 600 Gramm Kohlendioxid pro Kilowattstunde Strom – das liegt am hohen Kohleanteil in der Stromerzeugung. Das ist viel im internationalen Vergleich. Die Einführung von Elektrofahrzeugen allein hilft beim Thema Klimawandel also nicht unbedingt. Wir werden den Diesel auch deshalb weiter brauchen“.

Auch hier stellt sich ein weiteres Problem für unser Land dar. Bis 2022 wollen wir aus dem Atomstrom aussteigen. Wenn wir auch noch gleichzeitig CO2-Emissionen der Kohlekraftwerke vermeiden wollen, dann müssten wir die älteren Kohlekraftwerke abschalten und durch Wind- und Solarkraft ersetzen. Kurzfristig könnte eine leichte Leistungsdrosselung bei mehr als zwanzig Jahre alten Braunkohlekraftwerken erfolgen und somit wären die vierzig Prozent CO2-Reduktion bis 2020 laut Fraunhofer Institut noch drin. Die Abschaltung von sieben Gigawatt Kohlekraftwerksleistung sieht das Fraunhofer Institut als unkritisch für die Versorgungssicherheit. Die Kohlekommission der Bundesregierung überlegt bis 2036~2038 komplett aus der Kohleverstromung auszusteigen.

Auch dieses Vorhaben ist nicht so einfach. Gerade die Hitzeperiode in 2018 hat gezeigt, dass den Windrädern oftmals die Puste ausging. Die 4,4 Milliarden Kilowattstunden, die im Juli 2018 an Windstrom produziert wurden, waren 20 Prozent weniger als im Juli des Vorjahres. Die hohen Temperaturen sind für Solarmodule auch nicht optimal. Bei sonnigen, aber angenehmen 23 Grad, wurde am leistungsstärksten Tag im Mai eine Leistung von 32.000 Megawatt erzeugt. Am heißesten Tag des Jahres, dem 31. Juli, mit bis zu teilweise mehr als 39 Grad Celsius, waren es dagegen nur 27.000 Megawatt. „Je wärmer das Modul wird, umso weniger Strom erzeugt es“, so der Wetterexperte Girmes im Handelsblatt. Die Braunkohlekraftwerke sind bei hohen Temperaturen und wenig Wind die Kraftwerke, die am konstantesten produzieren. Einige Steinkohle- und Kernkraftwerke mussten aufgrund niedriger Wasserstände und hohen Temperaturen in den Flüssen die Leistung in diesem Sommer drosseln. Dies sollte auch mit berücksichtigt werden, wenn man über kurzfristige Abschaltungen von weiteren Kohlekraftwerken nachdenkt.

Ein weiterer kritischer Punkt sind die Übertragungsnetze. Die Übertragungsnetzbetreiber müssen immer häufiger in den Netzbetrieb eingreifen, um Stabilität zu gewährleisten. Allein im vergangenen Jahr summierten sich die Kosten für diese Eingriffe auf 1,4 Milliarden Euro. Mittlerweile mahnt auch die Agora Energiewende, dass die Stromkosten für Netzentgelte in den nächsten Jahren aus dem Ruder laufen und die Kosten der EEG-Umlage sogar übersteigen könnten. 2009 wurde beschlossen, dass 1.800 Kilometer neue Leitungen gebaut werden sollen. Bis heute, knapp zehn Jahre nach Inkrafttreten der Verordnung, sind erst 800 Kilometer Leitung, also deutlich weniger als die Hälfte der Vorhaben, realisiert. Ursprünglich war es das Ziel, diese Leitungen bis 2015 fertigzustellen. Noch kritischer wurde die Situation als 2011 nach Fukushima beschlossen wurde, aus der Kernenergie auszusteigen und somit das Tempo der Energiewende zu beschleunigen. Folglich musste auch der Netzausbau erhöht werden. Für diese geplanten Stromtrassen, die den Windstrom aus dem Norden in den Süden transportieren sollen, wären neben 3.000 Kilometer Netzverstärkungen weitere 2.900 Kilometer Neubauten erforderlich. Bislang wurden ganze 150 Kilometer realisiert und für 600 Kilometer liegen Genehmigungen vor. Die 2015 beschlossene Erdverkabelung machte neue Planungs- und Genehmigungsverfahren erforderlich und verlangsamte das Tempo. Spätestens wenn 2022 das letzte Atomkraftwerk vom Netz geht, müssen die Netze fertig sein. Laut Handelsblatt deutet nichts darauf hin, dass dies gelingt. Im Aktionsplan Stromnetz wird von den Netzbetreibern eingeräumt, dass die wichtigen Nord-Süd-Trassen frühestens im Jahre 2025 fertiggestellt sein werden.

Alle Beteiligten wissen auch, dass, je schneller der Kohleausstieg erfolgt, die Strompreise umso stärker steigen. Die Zusatzkosten durch den politisch getriebenen Kohleausstieg summieren sich laut einer Studie von Frontier Economics in der Spitze auf bis zu 4 Milliarden Euro pro Jahr. Diese Mehrkosten für die Stromverbraucher machen zwischen 2020 und 2040 einen Betrag von 29 Milliarden aus. Diese Zahl deckt sich im Großen und Ganzen mit den Ergebnissen anderer Untersuchungen. Die Gutachter von Frontier Economics orientieren sich an den Eckpunkten für einen Kohlekonsens, die die Agora Energiewende bereits im Januar 2016 veröffentlicht hatte. Allerdings verfolgte die Agora ein anderes Ziel. Sie wies auf Folgendes hin: „Sofern der Kohleausstieg schrittweise erfolgt und die schmutzigsten Kraftwerke zuerst abgeschaltet werden, steigt der Börsenstrompreis um 0,2 bis 0,3 Cent pro Kilowattstunde. Das liegt im Bereich der normalen Marktausschläge und ist daher für Wirtschaft und Verbraucher verkraftbar“. Umgerechnet auf die Megawattstunde wären das zwei bis drei Euro.

Letztlich bestreitet niemand, dass ein Kohleausstieg zu einem Preisanstieg führen wird. Auch das Institut der deutschen Wirtschaft erklärt hierzu: „Wir nehmen mit der Kohle eine günstige Energiequelle aus dem Markt, während wir gleichzeitig aus der Kernenergie aussteigen. Das hat Preiseffekte, die gerade für die energieintensive Industrie ein Problem darstellen. Die vielen großen und kleinen Alleingänge in der deutschen Energiepolitik summieren sich zu einer gravierenden Belastung für die Wirtschaft und stellen ein Investitionshemmnis dar.“ Der Bundesverband für Energie und Wasserwirtschaft hat darauf hingewiesen, dass die vorhandenen europäischen Überkapazitäten an gesicherten Kraftwerksleistungen (Atomkraft, Kohle, Gas) in ganz Europa mittel- bis langfristig abnehmen. Alle EU-Staaten streben den Ausbau erneuerbaren Energien an. In der Folge seien auch die europäischen Nachbarn dabei, ihre konventionellen sicheren Kapazitäten zu reduzieren.

Die Analyse dieses Verbandes zeigt, dass in der EU zwischen 2016 und 2025 ein Rückgang der installierten Kohlekraftwerksleistungen von 45 Gigawatt erfolgen wird und ein weiterer Rückgang von 55 Gigawatt bis 2030. Das entspricht einer Abnahme von 63 Prozent der Kohlekapazitäten. „Zusätzliche Abschaltungen von Kraftwerkskapazitäten in Deutschland würden diese Situation noch verschärfen“, so der Verband. Vor diesem Hintergrund fordert der Verband auch neue Erzeugungskapazitäten auf Basis von Gas, um die Grundlast weiter abzusichern. „Ein besonders kalter Winter macht nicht an einer deutschen Grenze halt. Und die stromintensiven Werktage sind auch in Europa identisch“, so der Verband.

Bei den Stromkosten für private Haushalte liegen wir mittlerweile in Europa an der Spitze, gefolgt von Dänemark und Belgien. Die nächstteuersten Länder, wie Irland, Portugal, Spanien, Italien und Schweden liegen zwischen sieben und zehn Cent je Kilowattstunde unter unseren Preisen.

Die vorstehenden Fakten zeigen, dass von der Regierung oder den Politikern in vielen Dingen viel zu isoliert gedacht wird. Die Ziele sind teilweise gegeneinander gerichtet. So wird bis 2022 die Kernkraft, die CO2-frei ist, durch Wind und Sonne ersetzt. Die Kernkraftwerke stehen an ganz anderen Standorten als die Wind- und Sonnenproduktion. Folglich müssen in erheblichem Umfang neue Stromtrassen und Stromleitungen gebaut werden, um den Strom in die Verbrauchszentren des Südens und Westens zu transportieren. Diese Stromnetze werden teurer, weil man statt auf Oberlandleitungen auf Unterlandleitungen setzt und diese einen längeren Planungs- und Realisierungshorizont erfordern. Die Folge ist: wir müssen Strom kompliziert über Regeltechnik umleiten oder ins Ausland verkaufen, oft gar verschenken bzw. aus dem Ausland beziehen, wenn wir wieder eine Dunkelflaute haben. Auch diese Aufwendungen verteuern die deutsche Stromversorgung.

Der Bundesrechnungshof beklagte im September 2018 die Kosten der Energiewende der letzten fünf Jahre in Höhe von 160 Milliarden Euro. „34 Referate in vier Abteilungen des Bundeswirtschaftsministeriums sowie vier weitere Bundesministerien und alle Bundesländer beschäftigen sich mit dem Thema der Energiewende“, so eine Klage des Rechnungshofes.

Um das CO2-Ziel von minus 40 Prozent bis 2020 zu erreichen, ist die Politik wahrscheinlich bereit, auch vorzeitig auf zwei alte Kohlekraftwerke zu verzichten. Man überlegt, diese Kohlekraftwerke als Reservekapazitäten am Netz zu halten, obwohl man weiß, dass man solche großen Kraftwerke nicht einfach mal runter- und wieder hochfahren kann. Dies wäre mit kleineren Gaskraftwerken wesentlich besser zu realisieren. Ein Politikum ist zudem der Kohleausstieg, insbesondere für die Lausitz, aber auch für die Kölner Bucht. Hier geht es um Arbeitsplätze und Interessen. Ohne den Braunkohleausstieg macht die Elektrifizierung des Straßenverkehrs wenig Sinn, denn der CO2-Ausstoß wird nur vom Auspuff ins Kohlekraftwerk verlagert. Wenig Sinn macht es auch, den entsprechenden Kohlestrom aus Polen oder den Atomstrom aus Frankreich zu beziehen, da dies wohl zwar unsere Energiebilanz schont, dem Klima und auch der Atomsicherheit jedoch wenig bringt. Über die neuen CO2-Werte nach 2022 wird die Automobilindustrie angetrieben, auf Gedeih und Verderb eine gewisse Quote an E-Fahrzeugen in den Markt zu bringen, um CO2-Strafzahlungen zu vermeiden. Auch hier scheint die Politik bereit, die Fahrzeugflotten der Firmen steuerlich zu fördern. Hierdurch und mit E-Flotten im Carsharingbereich hofft die Automobilindustrie, die geforderten Grenzwerte beim CO2-Ausstoß zu erreichen. Auch wenn der Strom dann noch weitestgehend aus Kohle erzeugt wird und somit CO2-technisch nichts erreicht wird. Dies kann der Automobilindustrie egal sein, denn letztlich ist sie für die CO2-Werte am Auspuff zuständig und nicht für die CO2-Werte der dahinterstehenden Kraftwerke.

Da Deutschland kein diktatorisches Land ist und auch wirtschaftlich nicht autonom, gilt es bei all diesen ökologischen auch die ökonomischen Veränderungen mit zu betrachten. Wir sind eine Volkswirtschaft mit hoher Energieintensität, dessen Energiehunger im Zuge der Digitalisierung und Industrie 4.0 weiter steigen wird. Die Energiekosten sind ein wesentlicher Faktor für unsere Wettbewerbsfähigkeit in der Welt. Die Braunkohleindustrie ist ein wichtiger Faktor in verschiedenen deutschen Regionen und bietet uns ein hohes Maß an Versorgungssicherheit. Die Automobilindustrie in eine noch nicht ausgereifte Elektromobilität zu drängen, kann auch nicht zielführend sein, insbesondere, wenn die Politik in China darauf hofft, dass wir in diese Richtung laufen. Durch die Lithium-Ionen-Batterie-Technik, die überwiegend in China produziert wird, wären die Chinesen bei dieser Technik zunächst im Vorteil. Wer bei der Feststoffbatterie die Nase vorne haben wird, ist zurzeit nicht erkennbar.

Leider muss man feststellen, dass die komplette Energiewende in Deutschland aus den Fugen geraten ist, was der Bericht des Bundesrechnungshofes zudem bestätigte. Hier wird nur noch Flickschusterei betrieben und die Kosten für die Verbraucher steigen in immer höhere Größenordnungen. Zurzeit ist auch kein Land in der Welt erkennbar, welches unserer Energiewende in dieser Form im Stromsektor folgt. Alle anderen europäischen Volkswirtschaften gehen doch wesentlich dezidierter und vorsichtiger vor.

Norwegen möchte ich an dieser Stelle bewusst ausklammern. Norwegen fördert in hohem Maße weiter Öl, aus dem es einen Staatsfond aufgebaut hat, der den Norwegern in den nächsten Generationen noch wirtschaftliche Sicherheit bietet. Zudem verfügt Norwegen über immense Wasserkraftwerke und kann somit Strom aus einer erneuerbaren Quelle wesentlich günstiger produzieren als wir und dies auch noch kontinuierlicher als Wind und Sonne dies jemals können werden.

Wenn uns schon bei der Energiewende im Stromsektor die Kosten aus dem Ruder laufen, wie soll uns dann die wesentlich komplexere Energiewende im Verkehrssektor gelingen ohne dass unsere Volkswirtschaft massiven Schaden nimmt.

Von | 2018-10-19T11:33:27+00:00 19. Oktober 2018|Kategorien: Kraftstoffe, Preisentwicklung, Märkte|