Der amerikanische Präsident möchte, dass US-Energiekonzerne wieder stärker in Venezuela investieren. Doch diese zieren sich – warum?
Im Januar hatte der amerikanische Präsident die US-Ölkonzerne nach Washington eingeladen, um mit ihnen über Milliardeninvestitionen in Venezuela zu sprechen. Ein wirkliches Interesse war jedoch bei den wenigsten Konzernen zu erkennen. Der US-Ölkonzern ExxonMobil erklärte, Venezuela sei derzeit nicht investierbar. Bereits 2007 waren die Investitionen von ExxonMobil und ConocoPhillips in Venezuela verstaatlicht worden. Diese Unternehmen – neben weiteren – sind in rund 60 internationalen Schiedsverfahren gegen Venezuela involviert. Dabei geht es um Schadensersatzforderungen in Höhe von insgesamt 30 Milliarden Dollar.
Die Konzerne, die in der Vergangenheit negative Erfahrungen mit Verstaatlichungen gemacht haben, benötigen für neue Engagements einen verlässlichen rechtlichen Rahmen. Dieser ist derzeit nicht gegeben. Wie sich die Beziehungen zwischen Venezuela und den USA zukünftig entwickeln werden – auch über die Amtszeit Trumps hinaus –, lässt sich aktuell nicht verlässlich vorhersagen. Hinzu kommt die Frage der physischen Sicherheit der Mitarbeiter vor Ort sowie der Umgang mit offenen Rechtsansprüchen aus früheren Enteignungen.
Vor der Verstaatlichung ausländischer Konzerne unter Hugo Chávez im Jahr 2007, produzierte Venezuela rund drei Millionen Barrel Öl pro Tag. Heute liegt die Förderung bei knapp einer Million Barrel. Nachdem die internationalen Ölkonzerne das Land verlassen hatten, blieben viele Öl- und Gasfelder ungenutzt. Förderanlagen und Pipelines wurden nicht gewartet und sind größtenteils nicht mehr einsatzfähig. Selbst wenn neue Investitionen getätigt würden, gehen Experten davon aus, dass es acht bis zwölf Jahre dauern würde, um die Produktion wieder auf drei Millionen Barrel täglich zu steigern. Vor diesem Hintergrund forderte Trump die Ölkonzerne auf, rund 100 Milliarden Dollar in Venezuela zu investieren.
Der einzige US-Konzern, der weiterhin in Venezuela tätig ist, ist Chevron. Das Unternehmen fördert dort rund 200.000 Barrel Öl pro Tag. Chevron erklärte, die Förderung in den kommenden 18 bis 24 Monaten um etwa 100.000 Barrel steigern zu können. Für den Weltmarkt wäre dies allerdings kaum mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Auch der spanische Energiekonzern Repsol, einer der größten Gasförderer Venezuelas, könnte sich ein stärkeres Engagement vorstellen. Repsol produziert derzeit rund 45.000 Barrel pro Tag in Venezuela und hält – sofern die rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verbessert werden – eine Produktionssteigerung um rund 100.000 Barrel innerhalb der nächsten zwei bis drei Jahre für möglich. 200.000 Barrel in zwei Jahren mehr sind aber nicht das, was Trump verkündete.
Hinzu kommt: Die Gasförderung Venezuelas ist derzeit nicht exportfähig und wird fast ausschließlich zur Stromerzeugung im Inland genutzt. Für die Verflüssigung von Erdgas und den Export über Schiffsterminals fehlen die notwendigen logistischen Voraussetzungen. Es existieren weder Pipelines zu den Küsten noch entsprechende Hafenanlagen. Ein weiteres Problem stellt die Qualität des Öls dar. Zwar verfügt Venezuela über die größten Ölreserven der Welt, doch ein Großteil davon kann nur mit spezieller Technik transportfähig gemacht werden. Es handelt sich überwiegend um Schweröl, das zähflüssig ist wie Asphalt und zunächst aufwendig aufbereitet werden muss. Zudem werden spezielle Raffinerien benötigt, die dieses Öl überhaupt verarbeiten können.
Nach Einschätzung von Standard & Poor’s ist die Förderung venezolanischen Schweröls erst bei einem Ölpreis von etwa 65 Dollar wirtschaftlich. Genau hierin liegt eines der zentralen Probleme. In Brasilien beispielsweise liegen die Kosten für die Rohölförderung bei rund 40 Dollar – und dies in einem stabilen wirtschaftlichen und rechtlichen Umfeld. Zudem verfügt die OPEC noch über erhebliche freie Produktionskapazitäten, um den in den kommenden Jahren weiterwachsenden weltweiten Ölbedarf zu decken.
Sollte Venezuela seine derzeitige Förderung von einer Million Barrel in den nächsten acht bis zwölf Jahren wieder auf drei Millionen Barrel erhöhen, stellt sich für Investoren die entscheidende Frage, ob dieses Öl dann überhaupt benötigt wird – und wenn ja, zu welchem Preis? Zur bestehenden Rechtsunsicherheit kommt somit eine erhebliche wirtschaftliche Unsicherheit hinzu. Gelangt mehr Öl auf den Markt, als die globale Nachfrage aufnehmen kann, droht ein Preisverfall, wie die Vergangenheit mehrfach gezeigt hat. Auch aus diesem Grund halten sich Investoren zurück – ungeachtet gegenteiliger Beteuerungen des amerikanischen Präsidenten.