Wiedermal sind die Regeln in der EU zu kompliziert

Wasserstoff war vor einiger Zeit noch der Problemlöser, etwa in der Stahl- und Chemieindustrie sowie im Luft- und Seeverkehr, wo eine direkte Elektrifizierung technisch nicht möglich ist und Wasserstoff somit als unabkömmlich für die Dekarbonisierung galt. Zugleich sollte der grüne Strom als Zwischenspeicher dienen und so die Versorgungssicherheit erhöhen. Im August 2026 schlug die Denkfabrik EPICO Alarm. „In zentralen Anwendungsfeldern bleibt Wasserstoff nach heutigem Kenntnisstand unverzichtbar für das Erreichen der Klimaziele, ebenso aus Resilienz- und Wettbewerbsgründen“, heißt es in einem Papier, das der FAZ vorab vorlag. „Gleichzeitig wird er teurer, knapper und später verfügbar sein als ursprünglich erhofft. Noch nie gab es so viele Strategien, Förderprogramme und politische Zielsetzungen – gleichzeitig scheitern immer mehr Projekte an ausbleibenden Investitionsentscheidungen.“

Die EPICO-Fachleute sehen drei strukturelle Probleme. Erstens seien erneuerbarer Wasserstoff und seine Derivate wie Ammoniak oder Methanol immer noch viel zu teuer. Zweitens schaffe es der Markt nicht, die gleichzeitige Entwicklung von Angebot, Nachfrage und Infrastruktur zu koordinieren und drittens erschwere ein Vorgabegeflecht aus Berlin und Brüssel Investitionen. Dem Gutachten zufolge kostet erneuerbarer Wasserstoff derzeit zwischen 240 und 350 Euro je Megawattstunde. Blauer, also aus Erdgas gewonnener Wasserstoff, kostet etwa 120 bis 150 Euro. Dem gegenüber stehen Kosten von knapp 50 Euro für Erdgas. Wichtigste Voraussetzung für die Wirtschaftlichkeit sei ein verlässlich ansteigender CO₂-Preis bei gleichzeitig günstigem Strom, schreiben die Fachleute von EPICO. Erst mit einem Strompreis von 35 bis 50 Euro je Megawattstunde werde der Wasserstoff „in die Nähe industrieller Zahlungsbereitschaft“ kommen, so die FAZ.

Nach dem Willen der Bundesregierung sollen bis 2030 eigentlich zehn Gigawatt Elektrolyseleistung in Deutschland installiert sein. Das Energiewissenschaftliche Institut an der Universität zu Köln (EWI) kam Ende Mai jedoch zu dem Ergebnis, dass bislang nur 181 Megawatt in Betrieb sind und bis Ende des Jahres auch nur 1,3 Gigawatt hinzukommen werden. Darüber hinaus seien zwar viele Projekte (7,2 Gigawatt) in Planung, aber es sei noch keine finale Investitionsentscheidung getroffen worden.

EU-Vorgaben machen den Betreibern das Leben zusätzlich schwer, ebenso die Frage, wann welcher Wasserstoff als grün gilt. So müssen sie unter anderem ab 2028 nachweisen, dass der zur Produktion erforderliche Ökostrom aus neu ausgebauten, nicht geförderten Wind- oder Solarparks stammt. Zudem müssen Stromerzeugung und Wasserstoffproduktion fast gleichzeitig stattfinden, sonst gilt Letztere nicht als grün – ein bürokratisches Regelwerk, das es der Branche schwer macht und Investitionen hemmt, so die FAZ.

Selbst wenn alle geplanten und angekündigten Elektrolyseprojekte bis 2030 in Betrieb gingen, würden in Deutschland weniger als 30 Terawattstunden produziert, so das EWI. Die nationale Wasserstoffstrategie hatte für 2030 einen Bedarf von 95 bis 130 Terawattstunden prognostiziert. Folglich müssten 65 bis 100 Terawattstunden importiert werden. Allerdings sieht es laut EWI auch beim Bau der Importleitungen nicht gut aus. Ursprünglich waren laut EWI 22 Pipelines und Terminals geplant, von denen die Hälfte eigentlich bis 2030 in Betrieb gehen sollte. Aktuell sind jedoch nur wenige konkrete Investitionsentscheidungen getroffen. Derzeit gibt es in Deutschland nur zwei Importterminals, die bislang fossiles Ammoniak einführen. Die Planungen für das innerdeutsche Kernnetz, das bis 2032 schrittweise entstehen soll, sind weit fortgeschritten. Unklar ist aber, wie der Wasserstoff weiter zu den potenziellen Abnehmern gelangen soll, so die FAZ. EPICO stellt zudem fest, dass sich auch die Nachfrage bislang weder ausreichend noch verlässlich noch sektorenübergreifend entwickelt.