In den vergangenen Monaten haben die Fluggesellschaften Alarm geschlagen, dass die Kerosinpreise nach oben schießen und es zu Versorgungsengpässen kommen könnte. Einige Flugrouten wurden gestrichen und das Drehkreuz Nahost wurde kriegsbedingt mehr oder minder stillgelegt. Das sinkende Angebot der Airlines führte dazu, dass die Nachfrage nach Kerosin zurückging, sodass es am Ende nicht zu dem erwarteten Fiasko kam.

Deutschland ist der größte Raffineriestandort Europas. Die Kapazitäten der hiesigen Raffinerien reichen aus, um die Menge an Mineralölprodukten herzustellen, die die deutsche Wirtschaft benötigt. Von knapp 100 Millionen Tonnen Raffinerieerzeugnissen, die in Deutschland in den vergangenen Jahren jeweils verbraucht wurden, mussten netto nur vier Millionen Tonnen aus dem Ausland eingeführt werden. Das bedeutet jedoch nicht, dass sich Deutschland mit allen wichtigen Kraftstoffen selbst versorgen kann.

Tatsächlich passt der Ausstoß der deutschen Raffinerien zwar mengenmäßig, nicht jedoch hinsichtlich der Zusammensetzung zur heimischen Nachfrage. Bei Diesel und Heizöl sind wir auf Importe angewiesen, während wir ausreichend Ottokraftstoff erzeugen und diesen sogar exportieren. Bei Kerosin und Diesel werden rund ein Drittel des deutschen Bedarfs aus anderen Ländern eingeführt.

Ein Teil dieser Lieferungen, sowohl von Diesel als auch von Kerosin, stammt aus Raffinerien am Persischen Golf, die in den vergangenen Wochen durch die Schließung der Straße von Hormus mehr oder weniger vom Weltmarkt abgeschnitten waren. Gleichzeitig produzieren deutsche Raffinerien deutlich mehr Ottokraftstoff, als nachgefragt wird. Ein Teil davon wird unter anderem in die USA exportiert.

In Europa verkauften die Hersteller Superbenzin zuletzt sogar unter ihren Herstellungskosten. Der Börsenreferenzpreis für Benzin in Nordwesteuropa fiel Anfang des Jahres zeitweise unter den Rohölpreis, während Diesel und Kerosin knapp geworden waren und die Margen der Raffinerien entsprechend in die Höhe schossen.

Raffinerien können sich jedoch nicht einfach der Nachfrage anpassen. Der Produktmix, den eine Raffinerie erzeugen kann – also Diesel, Heizöl und Kerosin als Mitteldestillate sowie leichte Destillate wie Benzin, aber auch Schweröl beziehungsweise Bunkeröl, LPG, Bitumen, Naphta etc. – ist im Prinzip weitgehend vorgegeben. Die Produktion wird unter anderem durch die chemische Zusammensetzung des Rohöls und die technische Auslegung der Raffinerie bestimmt.

Vereinfacht gesagt lässt sich der Dieselanteil auf Kosten des Kerosinanteils etwas erhöhen – und umgekehrt. Dies ist jedoch nur in begrenztem Umfang möglich. Die meisten Raffinerien in Deutschland sind Konversionsraffinerien, die eine hohe Ausbeute an Benzin, Diesel, Heizöl, Kerosin und petrochemischen Produkte anstreben und eine geringe Ausbeute an Schwerölen. Die hochmodernen Tiefenkonversionsraffinerien stehen in Indien, Singapur und im Nahen Osten, die stärker auf Mitteldestillate wie Diesel und Kerosin ausgerichtet sind und diese Produkte zu geringeren Kosten als in Europa erzeugen können.