Kommentar Jürgen Doetsch sen.
Da ich seit 1979 in unserem Unternehmen tätig bin, habe ich zahlreiche Öl- beziehungsweise Ölpreiskrisen erlebt und verfolgt. Eine Entwicklung wie die Ölpreiskrise der vergangenen drei Monate ist mir jedoch in dieser Form bislang nicht begegnet.
Bei Ausbruch von Kriegen – 1980 die iranische Revolution, 1990 Kuwait (Golfkrieg), 2003 Irakkrieg, 2011 Bürgerkrieg in Libyen, 2022 Ukrainekrieg und 2026 Irankrieg – schossen die Rohölpreise meist sehr schnell in die Höhe. Je nach Dauer der kriegerischen Auseinandersetzungen und dem Ausmaß der Beeinträchtigung der Versorgungswege verharrten die Ölpreise häufig über einen längeren Zeitraum auf hohem Niveau oder gingen nur langsam zurück. In der Folge fielen sie jedoch oftmals auf sehr niedrige Niveaus, wie die Jahre 1986, 1994, 2008, 2016 und 2025 eindrucksvoll zeigen.
Tabelle mit den höchsten und niedrigsten Rohölpreisen von 1980 bis 2026:
| Iranische Revolution | 1980 | 40$ | 1986 | 10$ |
| Golfkrieg Kuwait | 1990 | 36$ | 1994 | 14$ |
| Irakkrieg/Rohstoffboom und Finanzkrise | 2004 | 50$ | 2008* | 40$ |
| Arabischer Frühling | 2011 | 127$ | 2016 | 31$ |
| Ukraine-Krieg | 2022 | 141$ | 2025 | 63$ |
| Nahost-Krise | 2026 | 119 $ | – | – |
* Bei 2008 handelt es sich um den Tiefstpreis desselben Jahres nach dem Rekordhoch von 147 USD in 2008.
Vor Ausbruch des Krieges im Iran lag der Rohölpreis am 27.02.2026 bei 72 Dollar. Den höchsten Rohölpreis sahen wir an den Börsen am 01. April mit 119 Dollar. Ein paar Tage vorher wurde die Straße von Hormus von Seiten des Irans als komplett gesperrt erklärt. Seit dieser Zeit fielen die Preise sukzessive, obwohl die Straße von Hormus bis zum 17.06. bzw. 20.06.26 weiter gesperrt war. Über die Straße von Hormus wurden vor Ausbruch des Krieges rund 17 Prozent des weltweiten Ölbedarfs von 105 Millionen Barrel pro Tag verschifft. Bei einer solchen Situation hätten in der Vergangenheit die Märkte verrückt gespielt, und Preise von 150 Dollar und mehr wären eine normale und verständliche Reaktion gewesen. Im Ukrainekrieg, als Russland mit einem Boycott belegt wurde, fehlten 3 Prozent der weltweiten Rohölproduktion und der Preis stieg auf über 140 Dollar. Aber in 2026 kam es genau anders: Obwohl die Straße von Hormus gesperrt blieb und somit erhebliche Mengen für die weltweite Ölversorgung fehlten, kamen die Preise recht schnell wieder auf ein Niveau von unter 100 Dollar bis Ende Mai und auf 75 Dollar bis zum 24. Juni.
Was waren die Gründe hierfür?
Hierfür muss man sich sowohl die Angebots- als auch die Nachfrageseite genauer ansehen. Vor Ausbruch des Iran-Krieges betrugen die Rohölreserven der OPEC-Staaten rund fünf Millionen Barrel pro Tag, die sie mehr fördern könnten, als sie tatsächlich verkauften. Die OPEC konnte die Mengen gar nicht absetzen, die sie im Angebot hatte, sondern musste deutlich weniger Mengen verkaufen. Wahrscheinlich wären ohne den Iran-Krieg die Rohölpreise im Laufe des Jahres 2026 Richtung 60 Dollar, vielleicht auch Richtung 50 Dollar gefallen. Solche Erwartungen wurden im Januar noch von der Internationalen Energieagentur oder auch von Ölexperten bei Goldman Sachs oder Morgan Stanley geäußert.
Mit Ausbruch des Krieges wurden diese Einschätzungen revidiert, da sich die Lage komplett änderte. Nun gab es Warnungen, dass, wenn die Straße von Hormus länger als drei Monate gesperrt bliebe, die Rohölpreise im Sommer auf mehr als 150 Dollar steigen und es zu einer weltweiten Knappheit bei diversen Fertigprodukten – insbesondere bei Kerosin und bei Diesel für Europa – kommen könnte.
Die Märkte in Asien, Europa und Amerika blieben jedoch weitestgehend gelassen und der Rohölpreis pendelte im Mai und Juni zwischen 90 bis 100 Dollar, obwohl sich die beiden Kontrahenten Iran und USA bei den Verhandlungen nicht näherkamen.
Was war mittlerweile geschehen?
Der größte Produzent der Golfstaaten, Saudi-Arabien, schaffte es, etwa 70 Prozent seiner Exporte aufrechtzuerhalten, weil täglich etwa sieben Millionen Barrel über die Ost-West-Pipeline zum Hafen Yanbu am Roten Meer umgeleitet wurden. Die Mitgliedsstaaten der Internationalen Energieagentur (IEA) hatten mit Ausbruch des Iran-Konfliktes aus den strategischen Ölreserven weltweit 400 Millionen Barrel freigegeben. Allein die USA speisten täglich etwa 1,1 Millionen Barrel aus ihrer Reserve in das System ein. Die Volksrepublik China stoppte die Ölimporte und wies ihre Raffinerien an, keine Fertigprodukte mehr zu exportieren. In der Folge sanken die chinesischen Importe um 4,3 Millionen Barrel pro Tag, wie das Analystenteam von Goldman Sachs in einer Notiz veröffentlichte. Dies war ein Rückgang um 38 Prozent. China hatte sich in den vergangenen ein bis zwei Jahren aufgrund günstiger Rohölpreise, die ihnen Russland bot, mit Öl bestens versorgt und die chinesischen Ölreserven deutlich ausgebaut. Wegen der permanenten Angst, durch solche Ölkrisen erpressbar zu sein, hat China folglich entsprechende Vorsorge getroffen. In Europa sank die Nachfrage nach Ölprodukten im März auf Grund der hohen Preise in erheblichem Umfang. Allein in Deutschland reduzierte sich die Nachfrage nach Benzin und Diesel im März 2026 um 15 Prozent, laut Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA).
Gleichzeitig erhöhten Länder wie die USA, Norwegen, Brasilien, OPEC-Länder in Afrika sowie Venezuela ihre Rohölproduktion. Der starke Rückgang der Nachfrage aus China, das Zurückgreifen auf die Ölreserven der IEA sowie eine weltweit sinkende Nachfrage wegen zu teurem Öl sorgten dafür, dass die Nachfrage nach Öl aus dem Nahen Osten sank. Zudem wurde die Straße von Hormus über andere Lieferwege umgangen. Die Angebotslücke, die die Sperrung der Straße von Hormus hinterließ, fiel deutlich geringer aus, als erwartet worden war und somit stiegen die Rohölpreise nur moderat.
In Folge dieser Krise wird die Straße von Hormus dauerhaft an Bedeutung verlieren. Eine Studie von Goldman Sachs kam zu dem Ergebnis, dass eine Rückkehr der Exporte durch die Meerenge auf Vorkriegsniveau immer unwahrscheinlicher wird. Die Analysten schätzen, dass die bisherigen Ölexporte über die Straße von Hormus bis Oktober auf 14 Millionen Barrel pro Tag ansteigen könnten. Ein weiterer Anstieg darüber hinaus wird nicht erwartet. Vor Beginn des Iran-USA-Konfliktes lagen die Exporte über die Meerenge noch bei rund 20 Millionen Barrel pro Tag. „70 Prozent der Vorkriegs-Hormus-Transporte könnten das neue 100 Prozent werden“, so die Experten von Goldman Sachs. Saudi-Arabien wird alles daransetzen, mehr Öl direkt über die Pipeline in das Rote Meer zu transportieren.
Die Vereinigten Arabischen Emirate wollen die Abhängigkeit von der Seeroute durch Hormus beenden und in die östlichen Häfen Dibba, Fudschaira und Khorfakkan, welche alle kurz nach der Straße von Hormus im südwestlichen Bereich des Golfs von Oman liegen, investieren. Ein weiterer komplett neuer Hafen soll ebenfalls in der Region gebaut werden. Auch Katar und der Irak möchten über neue Pipelinesysteme und umfangreiche Kooperationen mit angrenzenden Ländern die Straße von Hormus umgehen. Der Bau dieser Leitungen wird Geld kosten und den Ölpreis etwas verteuern. Allerdings sind diese Investitionen angesichts der Mengen, die durch solche Pipelines transportiert werden, von untergeordneter Bedeutung.
Kuwait hat angekündigt, kurzfristig die Rohölproduktion, die unter 500.000 Barrel pro Tag lag, wieder auf zwei Millionen Barrel pro Tag anzuheben. Vor dem Iran-Konflikt lag die Menge bei 2,5 Millionen Barrel pro Tag. Die Bemühungen der arabischen Länder, wieder auf das Vorkriegsniveau bei der Produktion von Rohöl und Fertigprodukten zu kommen, sind immens, da sie auf diese Einnahmen auch angewiesen sind.
Auch Vertreter des staatlichen iranischen Ölkonzerns National Iranian Oil Co. sollen bereits vor der offiziellen Sanktionslockerung aus Washington Kontakt zu Raffinerien in Indien, Japan, Südkorea und weiteren Ländern aufgenommen haben. Seit Inkrafttreten der Ausnahmeregelung habe sich diese Aktivität noch verstärkt. Nach Angaben der Händler umfassen die Gespräche auch langfristige Liefervereinbarungen, da der Iran seine Fördermengen steigern möchte, wie der Futures Service unter Berufung auf anonym bleibende Quellen berichtete. Auch das iranische Regime ist stark von den Einnahmen aus seinen Ölverkäufen abhängig und exportierte seine Mengen aufgrund der Sanktionen bislang überwiegend nach China.
Aus diesen Gründen sind die Märkte auch in Sorge, ob nicht dauerhaft wieder ein Überangebot an Öl entsteht. Zum einen haben die Nicht-OPEC-Länder in den vergangenen drei Monaten ihr Ölangebot deutlich erhöht, und diese erschlossenen Felder können nicht einfach wieder stillgelegt werden. Auf der anderen Seite wissen die Märkte nicht, wie schnell die OPEC wieder ihr Vorkriegsniveau erreicht. Und Länder wie der Iran und die VAE wollen ihre Marktanteile noch ausbauen, während andere Länder wie Saudi-Arabien oder Kuwait zumindest wieder auf das Vorkriegsniveau kommen wollen.
Dämpfend für einen drohenden Preisverfall bei Rohöl könnte wirken, dass sowohl die strategischen Rohölreserven der westlichen Welt als auch die Ölvorräte in China, die in den vergangenen vier Monaten abgebaut wurden, in den nächsten 12 bis 18 Monaten wieder aufgefüllt werden könnten. Zudem ist schwer zu beurteilen, ob überhaupt und wenn ja, wann die weltweite Nachfrage nach Öl, die vor der Krise bei 105 Millionen Barrel pro Tag lag und während der Krise auf unter 100 Millionen Barrel pro Tag gesunken ist, das Vorkriegsniveau wieder erreichen wird. Wenn die Nachfrage langsamer steigt als das Angebot, kommen die Preise unter Druck.
Fakt ist, die Straße von Hormus bleibt wichtig, sie wird aber in ihrer Bedeutung als Wasserstraße für die Weltwirtschaft verlieren. Die Raffinerien werden weltweit ihre Einkäufe diversifizieren, um weniger von politischen Krisen in dieser unruhigen Region abhängig zu sein. Öl ist ein flüssiges Produkt, und eine Flüssigkeit sucht sich immer wieder einen neuen Weg, wenn der alte verbaut wird.