Die Politik beschäftigt sich mit einem Bild, das es nicht mehr gibt

Ein Mineralölkonzern gilt als integriert, wenn er sowohl das Upstream-Geschäft (Exploration und Förderung) als auch das Downstream-Geschäft (Raffinerie, Verarbeitung und Vertrieb einschließlich Tankstellen) abdeckt.

Im Zuge der Tankstellenpreisdiskussion entstand in Politik und teilweise auch in der Presse der Eindruck, integrierte Ölkonzerne – etwa Shell, BP, Total oder Exxon – könnten Preise entlang der Wertschöpfungskette beliebig beeinflussen. Daher stellt sich die Frage: Wie sieht die tatsächliche Struktur heute aus, und welche Konzerne sind noch integriert?

Betrachtung der einzelnen Gesellschaften:

Aral / BP
Aral
betreibt rund 2.200 Tankstellen in Deutschland und gehört zu BP. BP ist noch im deutschen Raffineriegeschäft tätig und weltweit im Upstream aktiv und gilt damit grundsätzlich als integriert. Allerdings zieht sich BP zunehmend weltweit aus seinen Tankstellen und Raffinerien zurück. Zum 30.06.2026 wurde die Raffinerie Gelsenkirchen an Klesch verkauft. BP verfügt damit nur noch über eine kleine Raffinerie in Lingen und sucht hierfür wohl einen Käufer – oder wird sie am Ende schließen. Nachdem 01.07.2026 wird BP als Großhändler im deutschen Markt auftreten. Wie lange das Aral-Netz in Deutschland betrieben wird, ist offen und dazu gibt es keine Stellungnahmen des Konzerns. BP versucht seit 2025, seine Tankstellen in Österreich zu verkaufen und hat sich in den letzten Jahren weltweit bereits aus mehreren Raffinerien und den Tankstellennetzen unter anderem in USA, Belgien, Niederlanden, Südafrika sowie Indonesien zurückgezogen.

Shell
Shell betreibt in Deutschland rund 1.900 Tankstellen. 2025 wurde die Rheinland-Raffinerie um den Standort Wesseling reduziert, wodurch rund acht Millionen Tonnen Kapazität entfielen. Shell möchte sich zudem aus Beteiligungen an den Raffinerien in Karlsruhe und Schwedt zurückziehen, findet jedoch aufgrund der russischen Rosneft-Beteiligung an beiden Raffinerien nur schwer einen Käufer. Am Tankstellengeschäft hält Shell in Deutschland noch fest, hat jedoch in anderen Ländern wie Norwegen, Dänemark, Schweden und Großbritannien seine Tankstellen verkauft. Insgesamt hat Shell in den letzten Jahren weltweit zahlreiche Raffinerien, unter anderem in USA, Südafrika, Großbritannien und Deutschland veräußert, geschlossen oder umgebaut.

TotalEnergies
Das deutsche (1.200) und niederländische (400) Tankstellennetz wurde vor zwei Jahren an Circle K, ein Convenience Unternehmen aus Kanada verkauft. In Belgien und Luxemburg ist Total über ein Joint Venture an seinen Tankstellen noch beteiligt. Die deutsche Raffinerie in Leuna gehört weiterhin zum Konzern. In Frankreich wurden zwei Raffinerien geschlossen oder umgebaut und Tankstellennetze in Italien und teilweise Großbritannien verkauft. In Deutschland ist Total heute weiterhin als Großhändler aktiv.

Esso / ExxonMobil
Esso hat sich fast weltweit – und das gilt auch für Deutschland – aus dem Tankstellengeschäft zurückgezogen. In Deutschland betreibt die EG Group seit einigen Jahren das Esso Netz. ExxonMobil ist noch an der Raffinerie Karlsruhe beteiligt, sucht neben dem Miteigentümer Shell aber ebenfalls einen Käufer. Auch hier erschwert die Beteiligung der russischen Rosneft die Situation für einen Verkauf der Anteile. In den letzten Jahren wurden weltweit mehrere Raffinerien, unter anderem in Italien, USA und Großbritannien von Esso verkauft oder geschlossen. In Deutschland ist Esso als Großhändler tätig.

JET / Phillips 66
Unter der Marke JET betreibt Phillips 66 rund 900 Tankstellen in Deutschland und Österreich. 2025 wurde dieses Geschäft mehrheitlich an Finanzinvestoren verkauft, Phillips 66 hält noch 35 Prozent an dem Konsortium. Auch Phillipps 66 hat in den letzten Jahren Raffinerien in USA, Irland und Großbritannien veräußert oder geschlossen.

Fazit zur Integration
Diese fünf großen Gesellschaften decken rund 70 Prozent des deutschen Tankstellenmarktes ab, sind aber – mit Ausnahme von Shell und eingeschränkt BP/Aral – keine klassischen integrierten Konzerne mehr. BP verliert ab Mitte 2026 den direkten Zugriff auf deutsche Raffineriekapazitäten. Marken wie Esso oder Total werden gegen eine Markengebühr (unter einen Cent je Liter) von den Convenience Gesellschaften wie Circle K oder EG Group genutzt. Ein direkter Einfluss auf Tankstellenpreise besteht von diesen Lieferanten nicht. Gleiches gilt für Phillipps 66 gegenüber dem Konsortium der Jet Tankstellen.

Die internationalen Konzerne und besonders die amerikanischen und englischen Unternehmen konzentrieren sich seit Jahren verstärkt auf das Upstream-Geschäft und das Betreiben von wenigen große Raffinerien weltweit. Bei Shell sind es noch 6 Raffinerien. Aus dem Tankstellengeschäft ziehen sie sich zunehmend zurück. Der klassische integrierte Mineralölkonzern, wie ihn Rockefeller prägte, gehört weitgehend der Vergangenheit an. Auch die Vorstellung, Preise entlang der Lieferkette beliebig verschieben zu können, ist folglich ein Mythos.

Struktur des Marktes heute:
Im deutschen Raffineriemarkt sind Shell, BP (noch), Total und Rosneft die wichtigsten Betreiber, wobei Rosneft unter Treuhandaufsicht des deutschen Staates steht. Mit dem Rückzug von BP wird sich die Struktur weiter verändern. Internationale Ölkonzerne konzentrieren sich zunehmend auf Exploration sowie Handel und Großhandel.

Historisch waren Raffinerien oft wirtschaftlich schwach und in den letzten 50 Jahren mehr in der Verlust- als in der Gewinnzone. Sie dienten der Weiterverarbeitung von Rohöl zu Fertigprodukten, denn Rohöl kann kein Anwender gebrauchen. Die Hauptgewinne entstanden folglich im Upstream-Geschäft am Bohrloch. Auch das Tankstellengeschäft spielte in den letzten 50 Jahren meist eine untergeordnete Rolle, war aber in der Regel profitabel, wenn auch mit keinem hohen Ergebnisbeitrag im Rahmen des Konzerns. Das galt besonders für Raffinerien und Tankstellen in Deutschland. Die Konzerne stellten mehr Produkte her, als sie auf dem deutschen Markt verkaufen konnten. Deshalb waren sie darauf angewiesen, dass der Mittelstand ihnen half, ihre Fertigprodukte in Deutschland zu vertreiben.

Heute setzen die Konzerne stärker auf den Großhandel mit Fertigprodukten, ergänzt durch Trading-Aktivitäten mit Derivaten zur Absicherung von Preisrisiken. Dieses Modell ist heute attraktiver als eigene Raffinerien oder Tankstellennetze zu betreiben. Die internationalen Konzerne ziehen sich gerade in Deutschland zunehmend zurück. Klesch wird neben der russischen Rosneft – und dann kommen erst Shell und Total – der wichtigste Akteur auf der Raffinerieebene.

Generell gewinnen unabhängige Akteure im Raffineriemarkt an Bedeutung, etwa Klesch (mit Raffinerien in Heide und ab dem 01.07.26 in Gelsenkirchen), Gunvor (in Ingolstadt) und Varo (in Vohburg/Neustadt). Der Markt entwickelt sich zu einer Dreiteilung:

  1. Raffineriebetreiber und Trader wie Klesch, Gunvor, Varo, Rosneft sowie Shell/Total
  2. Großhändler wie Esso, BP, Total, Rosneft etc.
  3. Tankstellenbetreiber ohne Raffinerien, wie Circle K, EG Group, freie Tankstellen, Aral

Der integrierte Mineralölkonzern, der auf allen drei Wertschöpfungsstufen tätig ist, existiert in Deutschland kaum noch – von den einst Großen ist nur noch Shell übrig. Aber Shell ist auch kein deutscher Ölkonzern mehr. Ob die Versorgungssicherheit in Deutschland ohne die alten Strukturen in den Raffinerien langfristig stabil bleibt, wird sich erst zeigen.