Komplexität der Lieferkette für Treibstoffe ohne Stromversorgung wird unterschätzt

Das Land Rheinland-Pfalz prüft zur Zeit im Landesgesetz für Brand- und Katastrophenschutz, Tanklager und gewisse Tankstellen dazu zu verpflichten, Notstromaggregate vorzuhalten, um im Falle eines längeren Stromausfalls den Brand- und Katastrophenschutz mit Kraftstoffen versorgen zu können. Hierbei unterschätzt die Landesregierung allerdings die Komplexität der Tankstellenversorgung in einer vernetzten modernen Wirtschaft, die, neben dem Strom zum Auslagern der Kraftstoffe, auf eine Vielzahl von Informations- und Kommunikationssystemen angewiesen ist, die alle mit Strom versorgt werden müssen. Ohne Strom stehen die Räder erst einmal still.

Die Prüfungen des Ministeriums beschränken sich auf die Fragestellung, wie die Auslagerung und die gezielte, reibungslose Verteilung der vorhandenen Treibstoffmengen auf der letzten Meile von den Tanklagern zur Tankstelle bzw. zum Endverbraucher gelingt – insbesondere zu den Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben und zu den Betreibern kritischer Infrastrukturen.

Bei diesem Szenario geht die Behörde wohl davon aus, dass weitflächig, zum Beispiel in den Landkreisen Koblenz, Mayen-Koblenz, Ahrweiler, Cochem, Neuwied und Westerwaldkreis für mindestens 2 bis 7 Tage der Strom ausfällt. Ein kürzerer Stromausfall oder auch eine geringere Ausdehnung in der Fläche sollte nur eine untergeordnete Rolle spielen, da bei einem rein städtischen Ausfall, Kunden inklusive Katastrophenschutz zwecks Versorgung mit Kraftstoffen in die Nachbarorte ausweichen könnten. Dies mag in dem einen oder anderen Fall kurzfristig zu einer längeren Wartezeit an den dortigen Tankstellen führen, zu einem Versorgungsengpass würde es aber nicht kommen.

In einem Szenario, bei dem im oben beschriebenen Gebiet der Strom für mehr als 2 Tage ausfällt, ist die Sachlage eine andere. In diesem Falle würden die beiden Tanklager in Bendorf und Andernach, die einen Teil des regionalen Bedarfs abdecken, aus der Versorgungskette fallen. Ohne Strom ist der Betrieb eines Tanklagers nicht mehr möglich.

Andererseits ist es auch kein Problem, wenn zum Beispiel die Standorte Bendorf und Andernach zeitweilig aus der Lieferkette fallen. In Niedrigwasserphasen, wie in 2018, liefen die Tanklager am Mittelrhein tageweise leer. Die benötigten Tankstellenmengen wurden in diesen Phasen per Tkw in Wesseling/Godorf oder Karlsruhe bezogen. Unter Umständen kann auch auf die Großtanklager im Rhein-Main-Gebiet und im Kölner Raum ausgewichen werden. Hinzu kommt, dass in der betroffenen Blackout-Region, alle Gewerbebetriebe, Behörden, Verwaltungen, Schulen etc. zum Erliegen kommen. Die Mobilität und der Bedarf nach Kraftstoffen werden folglich deutlich einbrechen.

Bevor wir nur den Punkt betrachten, wie Tankstellen mithilfe von Notstromaggregaten weiter betrieben werden können, muss man sich erst einmal die gesamte Logistik rund um die Tankstelle ansehen.

Tkw-Spediteure werden von den Mineralölgesellschaften beauftragt, die Tankstellen mit Kraftstoffen zu versorgen. Eigene Fahrzeuge haben die Mineralölgesellschaften in der Regel nicht. Fallen die Tkw-Spediteure aus, fehlt auch der Nachschub von Kraftstoff, der an den mit Notstromaggregaten betriebenen Tankstellen verkauft werden könnte.

Des Weiteren gehören fast alle Tankstellen in Deutschland mehr oder weniger großen Ketten an. Das heißt, die Betreiber vor Ort sind größtenteils Handelsvertreter und verkaufen den Kraftstoff nicht auf eigene Rechnung und auch nicht in eigenem Namen. Damit diese Handelsvertreter den Kraftstoff verkaufen können, sind sie auf die Kommunikation mit den Zentralen und den Verwaltungen der Mineralölhändler angewiesen. Bei einem Stromausfall fällt jedoch die Kommunikation über Handy, Festnetz und Internet aus. Da die Betreiber nicht ihren eigenen Kraftstoff verkaufen und keinerlei Informationen (wie zum Beispiel, welche Preise eingestellt werden sollen) mehr aus der Zentrale erhalten, werden diese im Zweifel die Tankstellen schließen, bis sie wieder mit dem Eigentümer der Ware in Kontakt treten können. Die Tankstellenbetreiber erhalten auch keine Informationen mehr von den Spediteuren, ob sie überhaupt noch mit Kraftstoff versorgt werden und wenn ja, wann etc.

Ein weiteres Problem ist, dass die Tankstellenbetreiber auch nicht mehr mit ihren Mitarbeitern in Kontakt treten können. Ein Großteil der Mitarbeiter wird bei einem flächendeckenden, andauernden Stromausfall wohl nicht mehr zur Arbeit erscheinen, sondern sich eher um die Sicherung des Eigentums und um die eigene Familie kümmern.

Das gilt übrigens auch für den Spediteur und seine Mitarbeiter, sowie die Tanklagerbetreiber, die Raffinerien etc. Auch diese können ihre Mitarbeiter nicht mehr erreichen oder sich untereinander über die weitere Vorgehensweise abstimmen. Im Krisenmodus wäre es zwingend erforderlich, dass sich die Versorger (Raffinerien, Tanklager) mit den Zentralen der Mineralölgesellschaften und diese dann wiederum mit den Spediteuren und den Tankstellenbetreibern abstimmen und austauschen. Wir reden hier schnell von hunderten Leuten und mehr, die dafür verantwortlich sind, die gesamte Lieferkette aufrecht zu erhalten. Wenn diese Personen nicht mehr miteinander sprechen oder anderweitig kommunizieren können, weil im Falle eines Stromausfalls die Handynetze und Telefonleitungen nicht mehr funktionieren, bricht auch die Versorgung zusammen.

Bei einem Blackout ist also nicht nur der fehlende Strom an der Tankstelle problematisch, sondern mindestens genauso die Kommunikation, ob per Handy, Festnetz oder Internet, die mit einem Stromausfall ebenfalls zusammenbricht. So lange die Kommunikation für alle Beteiligten in der Lieferkette nicht sichergestellt werden kann, macht es auch keinen Sinn Tankstellen mit Notstromaggregaten auszurüsten. Neben den Tankstellen müssten folglich alle Standorte der in die Kommunikation eingebundenen Systeme über entsprechende Notstromaggregate verfügen. Eine so dezentrale oder lokale Notstromversorgung lässt sich aber nicht darstellen.

Sollte man das Problem der fehlenden Kommunikation gelöst haben (wie, wissen wir jedoch nicht), müsste man sich im nächsten Schritt Gedanken machen über die Sicherheit an den Tankstellen. Da die EC-Geräte ausfallen würden (die Banken können nicht mehr erreicht werden), müssten alle Kunde bar bezahlen. Woher die Kunden das Geld für Barzahlungen bekommen sollen, ist aber auch nicht klar, wenn die Bankautomaten ausfallen.

Bei 100 Prozent Barzahlern und keiner Möglichkeit das Bargeld zu „entsorgen“ (Banken haben geschlossen, denn auch diese haben keinen Strom) steigen die Barbestände an Tankstellen schnell auf mehrere Zehntausend Euro. Aus Angst vor Plünderungen würde auch hier sicherlich der eine oder andere Betreiber irgendwann kalte Füße bekommen und den Verkauf einstellen, weil er nicht bereit sein wird ein solches Risiko einzugehen.

Ein weiterer Punkt, den man mit Notstromaggregaten nicht lösen kann, betrifft das Verhalten der Mitarbeiter und Entscheider, die für die Aufrechterhaltung der Versorgung unabdingbar sind. Ein Blackout bedeutet nicht nur keinen Strom, sondern auch kein Wasser, keine Heizung, kein Licht, kein Telefon, kein Fernsehen etc. Die Menschen sind also erst einmal damit beschäftigt, zu Hause Sicherheit für die Familie zu schaffen und Dinge des dringlichsten persönlichen Bedarfs sicherzustellen. Viele Mitarbeiter werden sich erst einmal auf ihr privates Umfeld konzentrieren und sehen nicht die Notwendigkeit zur Arbeit zu erscheinen, weil ihnen das in der aktuellen persönlichen Notlage als nicht wichtig genug erscheint.

Fazit
Der von der Landesregierung angedachte Ansatz wird unserer Meinung nach nicht gelingen, da die Komplexität der Versorgung und des Informationsaustauschs im Mineralölmarkt – und hier speziell für die gesamte Versorgungskette – unterschätzt wird. Fällt die Kommunikation aus, fallen auch die Tankstellen, trotz des Einsatzes von Notstromaggregaten, aus. Die Bedeutung der Stromversorgung wird in einer digitalen und CO2-ärmeren Wirtschaft automatisch weiter steigen. Folglich muss die Stromversorgung durch entsprechende Backup-Systeme, die von der Stromwirtschaft vorgehalten werden, noch besser abgesichert werden. Deswegen macht es keinen Sinn über den Einsatz von Notstromaggregaten an der Tankstelle zu sprechen, wenn das Problem mit der Kommunikation nicht gelöst wurde. Ansonsten läuft die Politik Gefahr den Bürgern ein falsches Gefühl von Sicherheit in Bezug auf die Kraftstoffversorgung im Falle eines flächendeckenden und andauernden Blackouts zu vermitteln.

Christian Seyfert, der Geschäftsführer des Verbands der industriellen Energie- und Kraftwirtschaft, wies zuletzt daraufhin, dass es durch den Ausstieg aus Kern- und Kohlekraft in Deutschland, die in erheblichem Umfang ersatzlos stillgelegt wird, regional oder deutschlandweit zu erheblichen Herausforderungen bei der Versorgungssicherheit kommen könne, auf die auch politische Antworten gefunden werden müssen. Dieselbetriebene Notstromaggregate sind mit Sicherheit nicht die Lösung eines solchen komplexen Problems.