Das Nadelöhr sind die fehlenden Raffinerien

Rohöl allein macht noch keinen Kraftstoff. Es muss in Raffinerien zu Diesel, Heizöl, Benzin oder Kerosin verarbeitet werden. Doch genau in den Raffinerien sind die Kapazitäten knapp. Die Internationale Energieagentur (IEA) meldete, Raffinerien in Europa und Nordamerika verdienten derzeit so gut wie noch nie – vor allem beim Diesel. Die von der Politik gerne als Übergewinne bezeichneten Erträge fallen in den Raffinerien an, und zwar weltweit, nicht speziell in Deutschland.

Der Grund liegt in den massiven Produktionseinschränkungen bzw. gesunkenen Lieferungen von Raffinerien aus zwei Regionen, die für den weltweiten Dieselhandel entscheidend sind: Russland und der Persische Golf. Von den Golfstaaten wurden im August nur noch 390.000 Barrel Diesel pro Tag exportiert – etwas mehr als ein Viertel der Menge, die vor dem Iran-Krieg geliefert worden war. Gleichzeitig haben ukrainische Angriffe zahlreiche russische Raffinerien beschädigt und dort die Exporte gedrückt, wie ntv berichtete. Zusammen lieferten Russland und die Golfstaaten im August laut Internationaler Energieagentur (IEA) täglich rund 1,6 Millionen Barrel Diesel und Gasöl (Gasöl ist ein Vorprodukt für Diesel und Kerosin) weniger als im Februar, vor Ausbruch des Krieges im Iran und vor der verstärkten Bombardierung russischer Raffinerien durch die Ukraine. Die Ukraine will die russische Kriegslogistik über eine schlechtere Ölversorgung einschränken. Vor dem Krieg entfielen auf beide Regionen zusammen fast 45 Prozent des weltweit seegestützten Handels mit Diesel und Gasöl.

Doch nicht nur die Lieferungen aus dem Nahen Osten und Russland sind zurückgegangen. Auch chinesische Raffinerien halten Diesel zurück, um den eigenen Markt ausreichend zu versorgen. Laut David Fyfe, Chefökonom der Preisberichtsagentur Argus Media, sind die Exporte dieser drei großen Lieferanten zusammen um rund 60 Prozent bzw. 1,5 bis 2 Millionen Barrel täglich gefallen, so seine Aussage gegenüber ntv. Raffinerien in den USA, Europa, Indien und Nigeria haben ihre Dieselproduktion erhöht, um gegenzusteuern. Doch den Exportmöglichkeiten dieser Raffinerien sind Grenzen gesetzt.

Sollte der Iran-Krieg enden und die Straße von Hormus wieder befahrbar sein, könnten die Dieselpreise zunächst etwas nachgeben, so Fyfe gegenüber ntv. Niedrige Exportmengen aus Russland und China sowie die Unsicherheit darüber, wie schnell die Raffinerien im Nahen Osten wieder hochfahren können, dürften Diesel jedoch weiterhin teuer halten. „Die Dieselpreise dürften deshalb noch einige Monate auf relativ hohem Niveau bleiben“, warnt der Ökonom.

Auch die Internationale Energieagentur berichtete, dass die weltweite Ölförderung im August gegenüber dem Juli um 1,6 Millionen Barrel pro Tag gesunken ist. Insgesamt dürfte das weltweite Ölangebot im Jahr 2026 um 5,7 Millionen Barrel auf 100,7 Millionen Barrel pro Tag sinken, so die Internationale Energieagentur in ihrem aktuellen Ölmarktreport. Laut IEA wurde der Rückgang des Ölangebots weltweit durch vier Faktoren kompensiert.

1. Abbau der Ölvorräte in allen Ländern
2. Umleitungen aus der Golfregion
3. Eine höhere Förderung in anderen Weltregionen
4. Eine geringere Nachfrage

Im Einzelnen zu den vier Faktoren:

Zu Punkt 1: Die Ölmärkte waren mit reichlich Vorräten und einem Überschuss von mehr als einer Million Barrel pro Tag in die Krise gegangen. Seit Februar 2026 wurden die weltweiten Ölbestände um 507 Millionen Barrel abgebaut, was einem Durchschnitt von 2,8 Millionen Barrel pro Tag entspricht.

Zu Punkt 2: Als sich die Krise zuspitzte und der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus zum Erliegen kam, leiteten Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate Lieferungen auf Häfen um, mit denen die Meerenge umgangen werden konnte. Saudi-Arabien erhöhte seine Exporte über eine Pipeline, die nach Yanbu, einen Hafen am Roten Meer, führt. Die Vereinigten Arabischen Emirate verstärkten ihre Ausfuhren über den Golf von Oman, von wo die Schiffe direkt den Indischen Ozean erreichen. Die Exporte aus diesen beiden Hafenstädten stiegen von 4,1 Millionen Barrel im Februar auf den höchsten Stand von 7,8 Millionen Barrel im Juni, bevor Angriffe der Huthi die Lieferungen im August wieder auf 5,5 Millionen Barrel drückten.

Zu Punkt 3: Außerhalb der Golfregion steigerten Rohölproduzenten ihre Förderung – seit Kriegsbeginn insgesamt um 420 Millionen Barrel, was 2,3 Millionen Barrel pro Tag entspricht. Erhebliche Zuwächse im Zeitraum Februar bis August entfielen auf: USA plus 0,52 Millionen Barrel pro Tag, Brasilien plus 0,7 Millionen Barrel pro Tag, Kasachstan plus 0,44 Millionen Barrel pro Tag, Venezuela plus 0,3 Millionen Barrel pro Tag und Nigeria plus 0,20 Millionen Barrel pro Tag.

Auch die weltweite Produktion von Biokraftstoffen stieg im gleichen Zeitraum um 0,8 Millionen Barrel pro Tag.

Zu Punkt 4: Die weltweite Nachfrage wurde stark reduziert. China verzeichnete den stärksten Rückgang: So lag die Nachfrage in China in den vergangenen sechs Monaten um 1,7 Millionen Barrel pro Tag unter dem Niveau vom Februar, da China im vergangenen Jahr erhebliche Ölreserven aufgebaut hatte, auf die man nun zurückgriff. Insgesamt schätzt die Internationale Energieagentur, dass die weltweite Ölnachfrage in den letzten sechs Monaten im Schnitt um 5,8 Millionen Barrel pro Tag unter dem Niveau vom Februar 2026 lag.

Die Risiken beim Ölpreis bleiben hoch. Im Nahen Osten stellt sich zum einen die Frage, wann die Straße von Hormus wieder frei passierbar wird oder ob zumindest Saudi-Arabien seine Pipeline ans Rote Meer, über die täglich fünf Millionen Barrel umgeleitet wurden, wieder in Betrieb nehmen kann. Diese beiden Faktoren beeinflussen aktuell am stärksten die Rohölpreisentwicklung.

Bei den Produktpreisen stellt sich zum einen die Frage nach der Öffnung der Straße von Hormus, damit die entsprechenden Diesel- und Gasölmengen aus den Raffinerien im Nahen Osten wieder in die Weltmärkte nach Asien und Europa exportiert werden können. Zum anderen stellt sich die Frage, wie lange und wie stark die russischen Raffinerien aufgrund von Kriegsschäden vom Export nach Asien und Südamerika ausgeschlossen bleiben.

Analysten der Investmentbank Goldman Sachs, aber auch Experten der Bank of America, warnen vor Preisen von bis zu 120 Dollar pro Barrel, sofern die Ölströme längerfristig beeinträchtigt bleiben. Die Fertigproduktpreise für Diesel und Benzin könnten aufgrund der weltweit eingeschränkten Raffinerieproduktion deutlich stärker steigen als die reinen Rohöleinsatzkosten. Zudem können die Ölpreise aufgrund neuer Nachrichten sehr schnell die Richtung ändern. Statt Fakten bestimmen die Schlagzeilen die Preise. Für professionelle Hedgefonds wird es immer riskanter, im Ölmarkt mitzumischen. „Denn in einem Markt, in dem einzelne Schlagzeilen innerhalb weniger Minuten Milliarden bewegen können, verschwimmt die Grenze zwischen Investieren und Glücksspiel schnell“, so ntv.