Von der Politik wird immer wieder behauptet, die Spritpreise würden bei Beginn einer Krise wie eine Rakete steigen und am Ende wie eine Feder sinken.

Diese Beobachtung ist richtig und hat volkswirtschaftlich auch ganz einfache Gründe. Sowohl der Krieg in der Ukraine als auch der Krieg im Iran kamen ohne Ankündigung. In solchen Fällen reagiert die Börse sehr schnell. An der Börse wird direkt eingepreist, wenn es zu einer Störung des Angebots, in diesem Falle von Öl, kommt und bei einer Verknappung des Angebots die bisherige Nachfrage nicht mehr abgedeckt wird. So war es sowohl beim Ukrainekrieg als auch beim Irankrieg. Der Ölpreis machte recht schnell eine Entwicklung nach oben und dies zeigte sich ebenso schnell bei den Tankstellenpreisen. Je nachdem, wie stark die Angebotsstörung ist und wie lange sie anhält, bleibt der Preis erst einmal äußerst volatil und zeigt in der Regel nur eine Richtung – und die ist nach oben.

Es dauert dann einige Zeit, bis die Nachfrage sich dem veränderten Angebot anpasst. Erst als 2022 durch Russlands Angriffskrieg alternative Versorgungsströme aus anderen Ländern geschaffen wurden, begannen sich die Börsen auf hohem Niveau zu beruhigen. Und wenn absehbar wird, dass diese Versorgungsströme wieder stabil werden, beginnen die Preise an den Börsen wieder zu sinken und kommen erst dann auf ein deutlich niedrigeres Niveau, wenn Angebot und Nachfrage tatsächlich wieder in einem Gleichgewicht sind. Genau dies hat zur Folge, dass eine plötzliche Störung im Markt zu einem raketenhaften Anstieg von Preisen führt und dass im umgekehrten Fall die Preise langsamer sinken. Dieses Verhalten der Preise bei einer Störung von Angebot und Nachfrage wird im ersten Semester der Volkswirtschaftslehre gelehrt und sollte auch jeder Politiker verstehen.

Die Tankstellenpreise werden auf Wiederbeschaffungskosten kalkuliert. Wenn der Einkaufspreis um 10 Cent steigt, müssen die Preise spätestens am nächsten Tag ebenfalls um 10 Cent an den Zapfsäulen erhöht werden. Andernfalls wären wir als Betreiber der Tankstellen nicht in der Lage, die Ware im gleichen Umfang nachzukaufen. Bei einem Absatz von 20.000 Litern bedeutet ein Anstieg um 10 Cent bereits Mehrkosten von 2.000 Euro, die bei uns bei nicht gleichzeitiger Preisweitergabe an den Endverbraucher fehlen würden, um neue Ware zu beschaffen. Das gilt auch in die umgekehrte Richtung, wenn die Preise fallen – sinkende Preise führen zu einer günstigeren Beschaffung der Ware.

Zudem können sich die Preise für die Fertigprodukte Benzin, Diesel, Heizöl oder auch Kerosin anders entwickeln als der reine Rohölpreis. Auch hier gilt wieder das Gesetz von Angebot und Nachfrage. Da die deutschen Raffinerien mehr Benzin produzieren, als der deutsche Markt braucht, hat der Benzinpreis in den letzten Wochen die Entwicklung des Rohölpreises wiedergegeben. Der Dieselpreis ist deutlich stärker gestiegen, weil die deutschen Raffinerien nicht in der Lage sind, so viel Diesel zu produzieren, wie in Deutschland benötigt wird. Folglich muss Diesel importiert werden, und dies gilt auch für weite Teile anderer Länder in Europa. Ein Großteil des Diesels, den Europa benötigt, wird von den Nahostländern, unter anderem Saudi-Arabien, geliefert und durch die Sperrung der Straße von Hormus fehlen diese Lieferungen. Somit übersteigt die Dieselnachfrage in Europa das Angebot bei weitem, mit der Folge, dass die Dieselpreise an den Börsen stärker nach oben schossen. Auch der Krieg in Nahost verschlingt große Mengen an Diesel und Kerosin für die Logistik der kriegsführenden Parteien.

Selbst wenn die Tankstellen nicht auf Wiederbeschaffung kalkulieren würden, würden die Tankstellenbestände nur wenige Tage reichen. An ED-Tankstellen sind es in der Regel zwei Tage, bis die Ware verkauft ist. Da in den Tagen stark steigender Rohölpreise die Absätze an den Tankstellen um bis zu 50 Prozent steigen, ist die Altware an den Tankstellen ohnehin schnell verkauft. Gleiches gilt für die vorgelagerten Stufen, ob Tanklager oder Raffinerien. Auch hier wird nur so viel Ware vorgehalten, wie man zur kurzfristigen Versorgung in normalen Zeiten der Märkte braucht. Kein Mineralölunternehmen hält hohe Warenbestände vor, weil dies zu viel Kapital binden und Zinsen kosten würde.

Alle Krisen sind irgendwann in irgendeiner Form wieder verschwunden und die Preise wieder gesunken. Hier noch ein paar Beispiele:

  • 2022 Ukrainekrise, Rohölhöchstpreis 189 Dollar
2023 bis 2025 Rohölpreis zwischen 60 – 80 Dollar
  • 2011 Arabischer Frühling, 125 US-Dollar
2016 Überangebot und US-Fracking lassen den Ölpreis auf 30 Dollar fallen
  • 2008 Rohstoffboom und Angst vor dem Ende des Öls, 147 US-Dollar
2009 kommt die Finanzkrise, Ölpreis bei 32 Dollar

Auch dies zeigt, dass die vermeintlichen Bestandsgewinne von heute die Bestandsverluste von morgen für Mineralölindustrie und Handel bedeuten. Über die „Überverluste“ in fallenden Märkten wie 2016 und 2009 spricht die Politik nicht.

Unser Tipp:
Jeder, der mit Öl spekulieren will, kann dies tun, indem er zur Bank geht und Ölderivate kauft und damit an der Börse spekuliert. Dies kann er mit Rohöl, Benzin, Diesel, das heißt mit beliebigen Sorten und an beliebigen Stellen in der Welt tun. Um mit Öl zu spekulieren, braucht man kein Ölhändler zu sein. Jeder, der glaubt, er wisse es besser als Firmen, die mit Mineralöl ihr Geld verdienen, kann mit diesem Produkt spekulieren, ohne es physisch zu besitzen. Das gilt auch für Regierungen.